Ich geh am Zahnfleisch

An manchen Tagen möchte ich mich einfach ins Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen. Meistens dann, wenn zu viel passierte auf einmal.
Erinnert ihr euch, als ihr klein wart? Die Decke überm Kopf, in der Hoffnung nichts und niemand sieht euch?

 

Ich bin es gewohnt zu kämpfen, stark zu sein. Ich tat mein ganzes Leben ( und ja ich meine auch mein ganzes Leben) im Grunde nichts anderes. Und auf einmal ist da diese Leere im Kopf. Ein Mensch der zig Gedanken auf einmal denken kann hat auf einmal nicht einen einzigen mehr. Die Leere im Kopf macht mich wahnsinnig. Ich denke immer und viel, und das sogar parallel und dann ist da gar nichts.

 

Ich fange an zu zittern, sagt Sascha. Ich selber merke das nur, wenn mir der Kaffee aus der Tasse überschwappt. Außerdem wurde ich mit einem Tremor geboren. Was heißt, ich zittere sowieso immer. Aber wenn Sascha meint ich zittere, ist also nicht das übliche gemeint, sondern es muss heftig sein. Mir wird kalt. Innerlich. Ich friere und nichts kann diese Kälte aufhalten. Sie dringt in jede Phase den Körpers ein und lässt mich seelisch erstarren. In so einem Zustand meckere ich meinen Mann grundlos an. Weiß der Geier was da in mich fährt.
Und dann der Gedanke: es wäre soooo einfach….
Ich bin Schmerzpatientin, ich habe immer einen bunten Cocktail zu Hause. Und dann gibt es nur noch zwei Fragen die ich Sascha stelle:
1. Hast du Zeit für mich? ( Wenn ich DAS frage, brennt die Bude und er weiß das auch. Seine Antwort ist immer JA)
2. Bett? (der sichere Hafen für mich)
Und dann ist er einfach da:
Sascha hält mich im Arm und lässt zu, dass die taffe starke Frau für einige Zeit, einfach nur eine Frau ist. Mit Tränen, Heulkrämpfen, Alpträumen und den Tributen, die meine schwere Depression fordert. Er geht einkaufen, wenn mich meine Panikattacken dazu zwingen zu Hause zu bleiben. Er fragt nicht groß warum. Meistens weiß ich es in dem Moment selber nicht. Er lässt mich einfach und schenkt mir alle Aufmerksamkeit. Er fordert nichts und gibt alles in dieser Zeit. Erst hinterher wird mir klar, was eigentlich passierte. Das Los, dass diese Erkrankung mit sich bringt. Er lässt mich tun, was immer ich noch tun kann (meistens wird das aber nix, weil ich zu nichts sinnvollem mehr in der Lage bin) und den Rest übernimmt er.
Da liege ich dann, die Tränen laufen und ich erzähle ihm von diesem einen Gedanken. Er spielt das nicht runter, er macht mich deshalb nicht fertig. Nicht er, er nimmt diesen Gedanken ernst und bestätigt: Ja, es wäre einfach…
Und er fragt nicht weiter, höchstens ob ich diesmal den Grund kenne. Und mit einem Nein gibt er sich zufrieden. Er weiß, irgendwann werde ich den Grund finden. Und dann, werde ich ihm sagen, was passierte. Wie es passierte.
Er hält mich einfach nur, je noch dem was ich brauche, mal leicht, mal richtig fest. Er rückt damit meistens meine kleine Welt wieder zurecht. Die, die für diese Zeit aus den Fugen geraten ist. Die, die droht zu zerspringen.
Starke, liebevolle Arme halten mich, liebende Augen betrachten mich und versuchen zu ergründen, was mir selbst gerade nicht klar ist.

 

Ihr alle kennt die stets gut gelaunte, fröhliche, optimistische Person, die ich im Grunde auch bin. Ich spiele keinem etwas vor. Weder online noch real. Aber das ist eben nicht alles von mir. Ich selbst haben zu viel erlebt, um immer unbelastet zu sein. Ich verdränge auch nichts. Ich habe dafür Therapien gemacht um halbwegs normal leben zu können.

 

Vor einigen Tagen hatte ich ein massives Tief ( ich bin seelisch nicht gesund und habe sicher 20 Jahre Therapien hinter mir). Erst heute weiß ich, wovon das kam.
Es waren zu viele unnötige, überflüssige, blöde Fragen. Zu viele Anfeindungen auf einmal. Irgendwann geht selbst die stärkste Frau in die Knie.
Ich tu das jedoch erst dann, wenn ich meinen Mann verteidigt habe bis zumindest halbwegs Ruhe eingekehrt ist.
Nein, so ein Tief bewegt mich nicht dazu aufzugeben. Es sorgt nur dafür, dass meine Seele wieder Ruhe findet, die ich sonst nirgendwo finden kann.
Mein Alarmzeichen war diesmal der Blick auf meine Schmerzmittel und der Gedanke: Es wäre so einfach………
Und statt gegen dieses Tief anzugehen, lasse ich es zu. Ich habe in den Therapien gelernt, dass es dann schneller vorbei geht. Ja, ich könnte zusätzliche Beruhigungsmittel nehmen. Ich habe welche da für den Notfall. Aber ich will das nicht. Ich habe sie seit nun eineinhalb Jahren nicht mehr gebraucht. Darauf bin ich stolz.
Langsam beruhigt sich meine Seele wieder. Ich bin wieder in der Lage zu denken.
Mein Mann wird immer noch angefeindet von dieser Person, diesem Mann, weil der nicht genug Eier hat sich den Fragen meines Mannes zu stellen. Er ist ein Feigling, dieser Typ, der versucht meinen Mann öffentlich bloß zu stellen. Und ich kann so gar nichts tun, weil er mich blockiert hat.

 

Ich sagte ja, das Leben als Partner ist nicht immer leicht. Aber für mich wird es das in ein paar Tagen wieder sein.

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