Das Versteckspiel

Ich bin ein Mensch, der sehr vieles mit sich alleine ausmacht. Ich denke viel mehr, wie ich sage. Gott sei Dank, bin ich in der Lage zig Gedanken auf einmal bis zum Ende zu denken und fasse so schneller auf wie andere und verstehe mehr.
Und so versuche ich Dir verständlich zu machen, was im Leben eines Transgenders passiert. Und zwar von je her und lange vor dem „Outing“.

Ein Baby wurde geboren. Ein kleines Mädchen. Der ganze Stolz ihrer Eltern. Natürlich machen diese es so, wie sie es selbst gelernt haben. Das Mädel bekommt hübsche Kleidchen angezogen, wird von Anfang an zurecht gemacht. Das Zimmer ist vielleicht sogar in den typischen „Mädchenfarben“ gehalten, rosa und pink.
Als das Mädchen älter wird, macht es sich schmutzig, ignoriert ihre Püppchen, spielt mit den Jungen Fußball und klettert auf Bäume. Da die Eltern das nicht verstehen, erklären sie ihrer Tochter, dass sich das für ein Mädchen nicht gehört. Mädchen sind hübsch anzusehen und vor allem leise und hilfsbereit. Das lernten die Mädchen noch vor 20 Jahren genau so. Sie stricken und sticken, sie malen und musizieren, sie lesen und üben sich im Tanz, beim Kochen und im Haushalt.
Doch genau diese Dinge interessieren das Mädel so gar nicht. Sie mag Autos, Fußball, Mathematik, Sport usw. Irgendwann stellt sie fest, dass ihr etwas fehlt. Naiv wie sie ist, wird sie ihre Mutter fragen, wieso sie keinen Penis hat. Und naiv wie Mutter ist, wird sie ihre Tochter in die Rolle der Frau einweisen. Mädchen haben sowas nicht, brauchen sie auch nicht, weil sie ja irgendwann Kinder bekommen. Sie wird wahrscheinlich als Burschikos gelten.
Das Mädel, jetzt älter, hält so gar nichts davon, dass ihr Brüste wachsen und sie Kinder bekommen soll. Eventuell bindet sie sich sogar heimlich die Brüste ab. Die Vorzüge des Kleinkindes sind weg. Nun passt sie nicht mehr zu den Mädchen, die alle nur ihr Äußeres und Modedinge im Kopf haben. Aber von den Jungs, die die selben Interessen verfolgen, wird sie als Jugendliche abgelehnt. Sie ist eben ein Mädchen.
Sie ist froh, dass sie die verhassten Kleidchen, die sie als Kind anziehen musste, nicht mehr tragen muss, weil es auch für Mädchen coole Hosen gibt und Hemden und Hoddies. Ihre Lieblingsfarbe ist sicher nicht rosa oder pink.
Sie wird ausgegrenzt von allen Seiten. Und vor allem versteht sie nicht, was „falsch“ mit ihr ist. Die Kleider, die Mädchen, die Mode, die Puppen alles fühlt sich falsch an. Sie versteht nicht, warum sie mit einem Jungen zusammen sein sollte, weil es sich für sie falsch anfühlt. Die Schuhe mit Absatz, die so gerne an einer jungen Frau gesehen werden hasst sie. Und trägt sie trotzdem. In ihrer Ausbildung sind Röcke und Blusen erwünscht und eine hübsche Frisur. Dabei wäre sie eventuell lieber Mechanikerin oder Architektin geworden. Aber das gehört sich für eine junge Frau nicht. Sie hasst ihre Berufskleidung, und zwingt sich selbst jeden Tag dazu, diese zu tragen. Unglücklich wird sie mehr und mehr.
Sie spürt von jeher, dass irgendetwas anders ist, findet jedoch nicht die Antwort darauf. Man stempelt sie als Lesbe ab, weil sie sich in Mädchen verliebt. Sie fühlt sich jedoch nicht lesbisch. Für sie fühlt es sich hetero und ganz normal an.
Und dann liest sie irgendwo etwas über Transgender. Sie informiert sich weiter und weiter. Und stellt fest: Mit ihr stimmt alles. Denn „sie“ ist ein „er“. Nur im falschen Geschlecht geboren. Das ganze erleichtert ihn nun ein wenig. Jedoch hat er noch lange nicht den Mut, darüber mit irgendwem zu reden. Für ihn erklärt es sein ganzes Leben. Es war von je her alles in Ordnung mit ihm. Trotzdem beendet er als sie diese Ausbildung um die Eltern stolz zu machen. Sie trägt Röcke und Blusen und ist über diese Verkleidung sehr traurig.
Als sie älter wird, geht sie zum Friseur, der ihr ihre verhassten langen Haare abschneiden soll. Am besten in diese eine tolle geniale Männerfrisur. Er will sich wohl fühlen, dazu passen lange Haare nicht. Im schlimmsten Fall wird sich der Friseur weigern diese tollen Haare abzuschneiden und fragt ihn, warum der denn unbedingt wie ein Mann aussehen will. Der Friseur weiß ja nicht, dass sie ein er ist. Das hat er ja selbst erst vor kurzem festgestellt.
Irgendwann fasst er sich den Mut und spricht seine Mutter darauf an.
Das Ende des Versteck spielens

 

Irgendwann wurde ein kleiner Junge geboren. Sehr geliebt von den Eltern. Natürlich sollte er als Junge aufwachsen und ein vernünftiger Mann werden. Aber schon als kleines Kind interessierte sich der Junge eher für Püppchen und Kleidchen, als für Fußball und Autos. Er war weinerlicher, ängstlicher wie andere Jungs.
Die Eltern erziehen ihn nach besten Wissen und Gewissen. Sagen ihm, dass sich all das für einen Jungen nicht gehört. Um seine Eltern glücklich zu machen spielt er eben Fußball. Kinder tun viel dafür, dass ihre Eltern glücklich sind. Er spürt ihren Stolz wenn er das Tor trifft und strengt sich äußerlich weiter an, damit sie stolz auf ihn bleiben. Den verhaßten Penis erwähnt er nicht einmal, da er ja so sein MUSS als Junge.
Damit fängt das Verkleiden an. Er verkleidet sich. Nein, nicht als Clown oder Mädchen. Er verkleidet sich als Junge.
Denn er fühlt bereits jetzt schon, dass er ein Mädchen ist. Erwähnen wird er es, nachdem die Eltern ihn in das Schema Junge gepresst haben, nicht mehr. Er spielt ihr Spiel mit. Eventuell verliebt er sich später in ein Mädchen. Jedoch nicht als Hetero, sondern es fühlt sich lesbisch an. Denn seinen Penis ignoriert er. Dieses Teil ist ihm so fremd, dass er sich nur notwendiger Weise damit beschäftigt. Sex gehört dazu, also hat er auf die Art Sex wie er aufgeklärt wurde. Vielleicht bekommt er sogar ein Kind, wird stolzer Vater. Nein, Irrtum, stolze Mutter. Doch er traut sich immer noch nicht, geprägt durch die Kindheit und der Angst alleine zu sein, irgend etwas zu sagen.
Die verkleidete Frau hat ihren Weg gemacht, durch die Schule, Ausbildung und im Job. Überall wird sie als Herr angesprochen und er weiß, tief im inneren, dass das nicht richtig ist.
Vielleicht durch das Internet erfährt er, dass er gar nicht so alleine ist. Dass sich das was er fühlt Transgender nennt.
Die erste Befreiung ist da. Nein, er ist nicht alleine. Nein, so falsch kann das nicht sein, was er fühlt. Nein, nicht ER sondern SIE.

Merkt ihr wie ich zwischen den Geschlechtern hin und her springe? Genau das passiert bei einem Transgender, der die Fassade aufrecht erhalten muss im Kopf. Er muss, dabei ist er doch sie. Dies passiert immer wieder und wieder. Es lässt sie fast irre werden.
Er hat sich informiert, Erfahrungsberichte gelesen, Filme auf you Tube gesehen. Vielleicht sogar mit jemand aus einer Selbsthilfegruppe geredet. Und nun kommt der große Tag.
Er beichtet seiner Partnerin, dass er eine Frau ist.
Sie beendet das anerzogene Versteckspiel.

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